💎 Rohdiamant

Warum sind wir so erschöpft?

Dr. Alexandra Kleeberg

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0:00 | 17:22

Vielleicht nicht, weil wir zu viel fühlen – sondern weil wir zu wenig verarbeiten.

In dieser Folge von ROHDIAMANT erfährst du, warum unser Gehirn und unsere Seele Räume der Stille brauchen, wie das Default Mode Network und das glymphatische System dabei helfen und weshalb echte Regeneration erst dann beginnt, wenn Erfahrungen integriert werden.

Eine berührende Geschichte, neueste Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft und eine einfache Übung für mehr Lebendigkeit.

✨ Vielleicht bist du nicht müde. Vielleicht ist deine Seele einfach noch nicht fertig mit dem Tag.

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Herzlichst
— Dr. Alexandra Kleeberg —

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SPEAKER_01

Vielleicht sind wir nicht nur so erschöpft, weil wir so viel aufnehmen und fühlen, sondern weil wir zu wenig verarbeiten. Eine alte Frau lebte auf einem Bauernhof. Dort war an der Treppe eine Holzbank und sie hatte einen ganz aktiven Arbeitstag. Sie stand morgens früh auf, sie machte den Haushalt, sie machte den Garten, sie versorgte die Tiere, sie kochte für die Kinder und die Enkelkinder. Und dann räumte sie ab, sie wusch alles, sie ging wieder in den Garten, sie machte die Tiere, sie machte den Haushalt, sie machte das Land. Und jeden Abend nach dem Abwasch setzte sie sich auf die Bank an der Treppe. Und sie schaute einfach über den Hof, sie schaute über die Felder, sie hatte einen ganz weiten Blick und sie sagte nichts. Sie tat dort auch nichts. Sie las nichts, sie stricte nicht, sie wartete auf niemanden. Sie saß einfach da und schaute, wie das Abendlicht über die Felder wanderte und langsam weicher wurde. Diese Frau war meine Großmutter, sie wurde sehr alt. Und bis zuletzt hatte sie etwas, das es nicht bei so vielen Menschen heute gibt. Eine Ruhe, die nicht müde war. Eine Klarheit, als wäre in ihr nie etwas liegen geblieben. Ich erinnere den Satz, dass sie sagte, in meiner Gesellschaft war mir noch nie langweilig. Erst viel später verstand ich, was sie auf dieser Bank Abend für Abend getan hatte. Sie hatte das getan, was wir heute fast alle verlernt haben. Sie hatte den Tag verarbeitet. Und genau dazu möchte ich dich inspirieren. Denn hier geht es um die unsichtbare Arbeit unserer Seele. Und vielleicht auch darum, was vielleicht der Grund unserer Erschöpfung heutzutage ist. Und ich vermute mal, du kennst, wie wir alle, Erschöpfungszustände. Und zwar nicht diese Erschöpfung, die einen Tag harter körperlicher Arbeit hervorbringt. Und auch nicht die Erschöpfung, die nach einer durchwachten Nacht kommt. Nicht diese Erschöpfung, die sich legt, wenn wir am Wochenende endlich auf dem Sofa liegen. Sondern diese andere Erschöpfung, die bleibt, auch wenn wir geschlafen haben, auch wenn wir in Urlaub waren, die sich eigentlich tiefer anfühlt als müde. So als hätten wir etwas, was wir nicht abladen können, was wir mitschleppen, aber gar nicht wissen, was es ist. Wir nennen das Burnout, Stress, Überforderung, Reizüberflutung. Und überall lesen wir diese Diagnose. Wir tragen zu viel, wir fühlen zu viel, wir nehmen zu viel auf, wir sind überflutet, wir sind zu durchlässig, die Welt ist zu laut, zu schnell, zu nah. Und daraus folgt dann der Rat: Mach weniger, weniger Nachrichten, weniger Bildschirm, weniger Mitgefühl, weniger Antennen, schließe Türen, setze Grenzen, schalte ab. Das ist auch wichtig. Und doch merken wir: auch wenn die Türen geschlossen sind, ist diese Erschöpfung noch da. Das heißt, es geht nicht nur darum, das Außen vorzulassen. Erschöpfung kommt vielleicht nicht nur davon, dass zu viel hineinkommt. Sie kommt vielleicht auch davon, dass zu wenig durchgeht. Wir sind nicht nur überfüttert, wir sind sozusagen auch unverdaut. Jede Erfahrung, die wir machen, die bedeutsam ist, muss ja um verarbeitet zu werden durch einen inneren Prozess. Sie muss sich setzen. Sie muss mit allem anderen in dir, was sie berührt, in Verbindung treten. Sie muss eingeordnet werden. Und zwar nicht nur intellektuell, sondern körperlich, bildhaft im Schlaf, im Traum, in der Stille auf der Holzbank, im Spaziergang. In dem Moment, wo wir aus dem Fenster schauen und der Blick weich wird. Erst dann wird sie verarbeitet. Erst dann legt sich die Spannung. In der tiefen Psychologie nennen wir das Integration. In der Neurobiologie heißt er Konsolidierung. Und in unserer Umgangssprache heißt es, lass diese Erfahrung einfach setzen und setz dich auf. Und genau dieses Setzen lassen findet, finde ich, kaum mehr statt. Diese Holzbank, auf der meine Oma saß, die ist verschwunden, verrottet, keine Ahnung. Ich habe dir ja schon gesagt: In unserem Gehirn gibt es ein Netzwerk, das dann arbeitet, wenn du nichts tust. Das heißt Default Mod-Netzwerk. Und es ist das Netzwerk, das Erinnerungen sortiert, das neue Bilder web, das Vergangenheit und Zukunft miteinander verpflicht, das auch Bedeutung herstellt aus dem, was du erlebt hast. Und ganz wichtig: dieses default-Moden-Netzwerk braucht Stille. Es braucht Leerlauf. Es braucht jene Momente, die wir tagsüber als Nichtstun abtun und die wir nachts im REM-Schlaf nicht mehr unterbrechen sollten. Und es gibt im Gehirn noch dieses zweite System, das ähnlich auf Ruhe angewiesen ist. Wir nennen es das lymphatische System. Während du also schläfst, öffnen sich die Kanäle zwischen den Nervenzellen. Und Liquor strömt hindurch und spült Stoffwechselabfälle weg. Das ist die biochemische Verarbeitung des Tages, die Gehirnwäsche. Und wenn wir zu wenig schlafen, sammeln wir diese Abfälle an. Und wer zu wenig wach stillsteht, sammelt sozusagen psychischen Müll an, Eindrücke, die nicht eingeordnet werden können, Gefühle, die nicht zu Ende empfunden wurden und Begegnungen, die nicht zu Bildern werden durften. Und diese beiden Systeme, das Default Mode-Netzwerk und das lymphatische System, arbeiten nur, wenn wir aufhören, zu planen, zu fokussieren, zu agieren. Und ich finde, in unserer wilden Welt hören wir kaum mehr auf. Stille ist der neue Luxus. Ich kann dir eine Geschichte aus meiner Praxis erzählen. Eine Frau sitzt da, Mitte 40, sie ist erfolgreich, sie ist klug, sie ist reflektiert. Sie hat die Hände im Schoß gefaltet und schaut mich an, als hätte sie eine Frage, auf die sie selbst keine Antwort findet. Ja, sie sagt, ich kann nicht mehr. Ich verstehe es gar nicht. Ich tue eigentlich immer weniger. Ich kann nicht mehr. Wir schweigen. Das Schweigen wird größer als das Zimmer. Und ich frage, wann hast du das letzte Mal etwas ohne Plan getan? Sie weiß es nicht. Wann hattest du das letzte Mal einen Traum, der dir geblieben ist? Sie weiß es nicht. Wann bist du das letzte Mal spazieren gegangen, ohne Podcast, ohne Handy, ohne Ziel.

SPEAKER_00

Sie weiß es nicht. Und da ist es.

SPEAKER_01

Sie ist nicht erschöpft, weil sie zu viel arbeitet. Sie ist erschöpft, weil sie nirgendwo in ihrem Leben einen Raum hat, in dem sich etwas setzen darf. Jeder Eindruck wird sofort vom nächsten überlagert. Nichts kommt zu sich, nichts wird gehört. Ja, wir können mit etwas ganz Einfachen beginnen, zehn Minuten am Tag, Augen zu, kein Ziel und einfach nur schauen, was von innen kommt. Ein paar Wochen später kommt sie und bevor sie ihren Mantel ablegt, sagt sie, mir wurde heute klar, woran ich seit Monaten denke. Ich wusste es früher nicht. Und auf einmal war es einfach da, sobald ich mir Zeit nahm.

SPEAKER_00

So beginnt Verarbeitung.

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Und Verarbeitung heißt nicht zu verstehen, nicht alles zu verstehen. Wir können etwas durchdacht haben und es trotzdem nicht verarbeitet haben. Verarbeitung ist nicht reden. Du kannst alles über ein Erlebnis erzählt haben, in der Therapie, mit Freundinnen, in deinem Tagebuch und es trotzdem noch schwer in dir tragen. Verarbeitung heißt, wenn etwas in dir zu einem Bild, am besten einem heilsamen Bild wird, wenn ein Gefühl einen Ausdruck, einen Atemzug findet, in dem es sich entfalten darf. Wenn eine Begegnung in den Schlaf hineinwandert und am Morgen leichter geworden ist. Oder wenn ein Traum dir noch am nächsten Tag nachhängt und du merkst, er hat irgendwas getan, ohne dass du verstanden hättest, was da passiert ist. Verarbeitung ist verkörperte Bewegung im Inneren. Verarbeitung braucht unseren Körper und damit natürlich auch unser Gehirn. Sie braucht dieses verkörperte Bild und sie braucht Zeit. Verarbeitung braucht etwas, das in unserer Welt immer seltener geworden ist, ja fast ein Luxus ist. Die ungestörte Aufmerksamkeit nach innen. Diese Stunde am Tag, in der niemand etwas von mir will. Auch du selbst nicht. Was uns also wirklich erschöpft, ist, glaube ich, nicht das Leben selbst. Es ist dieses ungelesene, unverarbeitete Leben in uns. Jede Begegnung, die nicht verklungen ist, jedes Gefühl, das sich nicht entfaltet hat, das beiseite geschoben wurde, jede Träne, die verschluckt wurde, weil gerade ein Meeting da ist, jedes Wort, das getroffen hat und das nie wirklich betrachtet wurde. Ja, jeder Traum, der sozusagen in der Schublade des Morgen geblieben ist. Und all das ist ja nicht verschwunden, nur weil wir es wegschieben, ignorieren, verdrängen. Es liegt immer noch da, es wartet. Und es kostet Energie, dieses Wartende festzuhalten, damit der Tag bewältigt wird, ohne dass sozusagen das Unverarbeitete hochkommt. Doch diese Energie ist endlich. Irgendwann reicht sie nicht mehr. Dann kommt, wie gesagt, das, was wir Burnout nennen. Aber das ist kein Brand. Es ist eine volle Festplatte. Ohne Sortierung. Also schließ einfach mal die Augen leder.

SPEAKER_00

Spüre deine Atmung.

SPEAKER_01

Leg vielleicht die eine Hand auf dein Herz und die andere auf deinen Bauch unterhalb vom Bauchnadel.

SPEAKER_00

Und spüre, wie sich deine Hände mit jedem Atemzug bewegen.

SPEAKER_01

Und frage dein Unbewusstes, dein Default-Mode-Netzwerk.

SPEAKER_00

Was möchte gerade jetzt verarbeitet werden? Und heiße es willkommen, was immer es ist. Vertraue, dein Inneres macht jetzt seine Arbeit. Und dann öffne wieder die Augen lieder.

SPEAKER_01

Wenn du erschöpft bist, schließe nicht nur die Türen nach außen, sondern öffne sie nach innen. Oh Diamant, kantig und kraftvoll. Abonniere und teile gerne collectivefeeling.com