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Gammawellen: Wenn das Gehirn plötzlich als Ganzes denkt

Dr. Alexandra Kleeberg

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Was passiert im Gehirn, wenn plötzlich alles Sinn ergibt?

Gammawellen sind die schnellsten Gehirnwellen unseres Bewusstseins und scheinen genau dann aufzutreten, wenn einzelne Gedanken zu einer neuen Erkenntnis verschmelzen. In diesem Video erfährst du, wie C. G. Jungs Aktive Imagination, moderne Neurowissenschaft, das Default Mode Network und das Kontrollnetzwerk zusammenwirken könnten – und warum gerade zwischen Schlafen und Wachen, in der Natur oder während einer Imagination die besten Ideen entstehen.

✨ Mit einer praktischen Übung, wie du diesen schöpferischen Zwischenraum selbst erleben kannst.

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Herzlichst
— Dr. Alexandra Kleeberg —

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Erinnere dich mal zurück an einen Abend im Spätherbst, kurz vor der Dämmerung. Erinnere dich daran, da sammeln sich über einem Feld tausende von Starnen. Erst sind es nur einzelne Vögel, sie kommen von überall her, ungeordnet, jeder für sich ein Gewirr aus, Flügeln und Geschrei, Chaos am Himmel. Und dann, niemand weiß genau, in welchem Augenblick geschieht etwas, das wir kaum glauben können, obwohl wir es mit eigenen Augen gesehen haben. Aus diesem Gewirr wird eine Gestalt. Tausende Vögel kippen im selben Moment zur Seite, ziehen sich zusammen, dehnen sich, fließen wie ein einziges atmendes Wesen über den Himmel. Sie wenden und das Licht läuft als Welle durch den Schwarm. Eine Form, die niemand entworfen hat. Kein Vogel ist der Anführer. Keiner gibt dem Befehl. Es gibt doch keinen Dirigenten in der Weite des Himmels. Und doch bewegen sich Tausende, als wären sie eins. Das Muster entsteht nicht in einem einzelnen Tier. Es entsteht sozusagen zwischen ihnen in dem Moment, in dem sie aufhören, jeder für sich zu fliegen und beginnen, einander zu antworten. Wer das einmal gesehen hat, vergisst es vermutlich nicht. Es sieht aus wie Magie. Es ist nur Verbindung. Stell dir vor, in deinem Kopf lebt so ein Himmel, Milliarden Nervenzellen, die meiste Zeit jedoch für sich. Und Erkenntnis, der Moment, in dem plötzlich alles zusammenfällt, ist nicht ein Gedanke, der lauter denkt. Es ist der Augenblick, in dem die einzelnen Vögel zu einem Schwamm werden. Es gibt solche Momente, in denen etwas Seltsames geschieht. Du grübelst vielleicht tagelang über ein Problem nach. Nichts bewegt sich, die Gedanken drehen sich im Kreis. Dann gehst du spazieren oder du sitzt am Meer, vielleicht auch auf dem Klo, du wachst morgens auf oder du befindest dich mitten in einer Imagination und plötzlich ist sie da. Nicht die nächste Information, der nächste Start, sondern die Verbindung zwischen allen, die Erkenntnis, der Augenblick, in dem viele einzelne Momente, einzelne Fragmente zu einem Bild werden. Die Neurowissenschaft vermutet, dass genau in solchen Momenten eine ganz besondere Form von Gehirnaktivität zunimmt, nämlich die Gammawellen. Das sind die schnellsten Wellen unseres Bewusstseins. Die ersten Wellen wurden schon 1924 als elektrische Aktivitäten des Gehirns entdeckt. Erst die langsamen Rhythmen, Alpha, Theta, Delta, später kamen die Beta-Wellen hinzu. Die Gamma-Wellen blieben lange verborgen. Und zwar nicht, weil sie nicht existierten, sondern einfach, weil die damaligen Geräte zu grob waren, um sie zuverlässig sichtbar zu machen. Erst in den 70er, 80er Jahren begann die Forschung zu verstehen, dass unser Gehirn noch einen viel schnelleren Rhythmus besitzt, etwa 30 bis 100 Schwingungen pro Sekunde. Zu schnell für das Auge. Und doch überall dort zu finden, wo Menschen lernen, wo sie wahrnehmen, wo sie erinnern, wo sie meditieren und ganz plötzlich etwas verstehen. Wenn also Millionen von Nervenzellen gleichzeitig tanzen. Und so sind Gammavellen keine Gedanken, sie sind auch keine Gefühle, sie sind Synchronisation, sie sind der Schwarm. Stell dir ein Orchester vor, jedes Instrument spielt seine eigene Stimme. Erst wenn sie alle zusammenfinden, entsteht Musik. Ähnlich arbeitet unser Gehirn. Sehen, hören, erinnern, fühlen, Bedeutung erkennen. All diese Prozesse finden erstmal in unterschiedlichen Netzwerken statt. Gamma scheint einer der Mechanismen zu sein, mit denen das Gehirn diese Einzelteile zu einer Erfahrung verbindet. Nicht Information, sondern es geht um Integration, nicht um Daten, sondern um Bedeutung. Ende der 90er Jahre untersuchte der Neurowissenschaftler Richard Davidson gemeinsam mit dem Dalai Lama ganz erfahrene tibetische Meditierende. Was sie fanden, überraschte selbst die Forscher. Während Zuständen tiefer Mitgefühlsmeditation zeigten manche der Mönche außergewöhnlich starke Gamma-Aktivität. Nicht für Sekunden, sondern über lange Zeit. Jahrzehntelanges Training scheint die Fähigkeit des Gehirns verändert zu haben, große Netzwerke gleichzeitig zu koordinieren. Und da entstand zum ersten Mal die Idee, vielleicht ist Bewusstsein nicht nur etwas, das uns passiert. Vielleicht können wir ein solches Bewusstsein sogar kultivieren. Auch in Zuständen kreativer Vertiefung tauchen Gammawellen auf. Beim Musizieren, beim Schreiben, während intensiver Problemlösungen. In Momenten plötzlicher Einsicht. Aha, Momenten. Und möglicherweise vielleicht auch dort, wo die aktive Imagination beginnt. Lange glaubte die Neurowissenschaft, dass sich zwei wichtige Netzwerke gegenseitig ausschließen. Das Default-Mode-Netzwerk, das Erinnerungen, Bilder und innere Szenen hervorbringt und das Kontrollnetzwerk, das zuständig ist für Aufmerksamkeit, für Fokus, für bewusste Steuerung. Heute zeichnet sich ein anderes Bild ab. Die kreativsten Zustände entstehen offenbar genau dann, wenn beide Netzwerke gleichzeitig aktiv werden. Wenn das eine Bilder liefert und das andere wach bleibt. Vielleicht hätte Karl Gustav Jung genau das beschrieben. In der aktiven Imagination werden die Bilder nicht kontrolliert. Aber sie werden auch nicht verloren. Wir begegnen ihnen wach, aufmerksam und offen. Gamavellen könnten das messbare Echo dieses Augenblicks sein, nicht die Erkenntnis selbst, sondern der Rhythmus, in dem viele Teile des Gehirns plötzlich zu einem Ganzen werden. Vermutlich können wir Gamma sogar trainieren, wie die Mönche zeigen. Nicht direkt, sondern indirekt. Gamma scheint besonders dann aufzutreten, wenn Aufmerksamkeit und Offenheit gleichzeitig vorhanden sind. Das ist eine ganz ungewöhnliche Kombination. Die meisten Menschen kennen nur eines von beiden. Entweder fokussieren sie oder sie schweifen ab. Gamma entsteht oft dazwischen. Dort, wo Weite auf Zentrierung trifft, Höhe auf Tiefe. Hilfreich sind deshalb Meditation, Imagination, kreatives Schreiben, musizieren, Naturerfahrung, tiefer Schlaf, bewusste Tagträume, einfach Zeiten ohne digitale Reize. Es geht darum, die Bedingungen zu schaffen, unter denen solch ein ganzheitliches Orchester und damit Integration möglich wird. Wir leben leider in einer Zeit, die nur Aufmerksamkeit trainiert, aber nicht Integration. Darum geben wir unserem Gehirn immer seltener die Möglichkeit, daraus Bedeutung entstehen zu lassen. Wir scrollen, wir reagieren, wir konsumieren. Doch die Räume dazwischen werden kleiner und enger. Und genau dort aber arbeitet das Gehirn auf seine tiefste Weise. Nämlich nicht, wenn wir schneller werden, wenn wir präziser werden, sondern wenn wir kurz aufhören zu denken. Vielleicht erinnern uns Gammawellen an etwas, das wir längst wussten, dass nämlich Erkenntnis nicht entsteht, wenn wir noch mehr denken, sondern eben, wenn das Denken einen Augenblick lang innehält, damit das große Ganze sichtbar werden kann. Und vielleicht sind diese Gamma-Wellen die Musik jenes Moments. Wenn du diese Wellen trainieren willst, dann nimm dir einfach immer wieder zehn Minuten Zeit ohne eine Aufgabe, ohne Bildschirm, ohne Musik. Setz dich einfach hin, schließ die Augen und warte. Bleib offen und beobachte, was passiert. Das kann ein Gammamoment werden. In diesem Sinne auf. Geht's von Herzen, Alexandra. Rohdiamant, kantig und kraftvoll. Abonniere und teile gerne collectivefeeling.com