💎 Rohdiamant

WT 3 Das schlafende Selbst

Dr. Alexandra Kleeberg

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Das schlafende Selbst

Wir denken, im Schlaf sei nichts. Eine Pause. Ein Abschalten.

Doch in Wahrheit beginnt dort eine der tiefsten Arbeiten unseres Lebens. Während der Körper ruht, wird das Gehirn nicht still – es ordnet, klärt, spült aus, was der Tag hinterlassen hat. Bilder steigen auf, die der wache Verstand nie zugelassen hätte. Etwas in uns spricht, das tagsüber keine Stimme bekommt.

Das schlafende Selbst ist nicht das abwesende Selbst. Es ist vielleicht das ehrlichste, das wir haben.

In dieser Folge gehe ich der Frage nach, was in uns wach wird, wenn wir schlafen – und warum manche Menschen genau dort zu heilen beginnen.

Mehr dazu in meinem Podcast „ROHDIAMANT" – vom Wachen und Träumen auf YouTube AlexandraKleeberg und auf allen Podcastkanälen.

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Herzlichst
— Dr. Alexandra Kleeberg —

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Ich möchte dir noch mehr über den Schlaf erzählen, dort, wo sozusagen unser Ich verschwindet und unser Gehirn total aktiv ist. Und es gibt ein Netzwerk in unserem Gehirn, das das wissenschaftliche Ich am liebsten ignorieren würde, also die Vernunft, der Verstand. Und zwar nicht, weil es unwichtig wäre, sondern weil es das Gegenteil von dem tut, was wir Denken nennen. Es springt an, wenn wir nichts tun, wenn wir aus dem Fenster schauen, wenn wir unter der Dusche stehen und plötzlich fällt uns die Lösung eines Problems ein, die wir gestern stundenlang vergeblich gesucht haben. Wenn wir Tag träumen, das heißt default-Not-Netzwerk, das Ruhezustands-Netzwerk. Oder wie ich es lieber nenne, das Netzwerk, das denkt, wenn du aufhörst zu denken. Es denkt natürlich nichts, es ist verknüpft, es ist verbindet. Es macht im Schlaf, im Ruhezustand, also im körperlichen Ruhezustand die interessantesten Dinge seines Lebens und vielleicht auch unseres Lebens. Es wurde erst 1990 entdeckt. Und zwar wollte man eigentlich was ganz anderes messen und bat die Probanden dazu, einfach mal nicht zu fokussieren, nicht zu aktivieren. Und wenn die Probanden das getan haben, nämlich nichts, da wurde dieses Netzwerk aktiv. Und ich erzähle dir darüber, weil es so, so wichtig ist für unser schöpferisches Leben, für unser emotionales, für unser soziales Leben und auch für eine Gesellschaft. Denn wenn wir alle besser schlafen und besser träumen, dann kann sich diese Gesellschaft von innen heraus verändern. Und dieses default-mod-netzwerk verbindet sich mit der Selbstwahrnehmung, mit sozialem Denken, mit Empathie, mit Phantasie, also mit ganz vielen anderen Bereichen im Gehirn, sodass Bedeutung entstehen kann. Denn wenn diese Region gemeinsam feuern, entsteht etwas, das wir im Alter kaum benennen, aber sofort kennen. Wir erinnern uns, wir ersehnen etwas. Wir fragen uns, wer wir sind und wohin wir gehören. Dieses Default-Mode-Netzwerk ist das neurologische Äquivalent von dem, was wir vielleicht das Selbst nennen. Das Selbst macht dem Tiefschlag eine Pause. In den ersten Stunden des Schlafes versinkt das Gehirn in Alpha, in Theta, in Delta Wellen. Das TV-Oltmut-Netzwerk fährt dabei herunter. Kein Erinnern, kein Selbst. Was dann passiert, ist einer der großartigsten Prozesse der Biologie. Der Teil im Gehirn, der tagsübersammelt, der alles aufnimmt, der Hippocampus, beginnt seine Inhalte abzuspielen. In ganz beschleunigter Form, in winzigen Wiederholungen sendet er die Ereignisse des Tages an den Kontext. Dort werden sie eingebettet, verankert und zu dauerhaften Erinnerungen gemacht. Der Hippocampus ist sozusagen der Bote. Der Kontext ist das Archiv. Das Default-Mod-Netzwerk ist in diesem Moment der Empfänger. Es nimmt auf. Nicht aktiv, wie wir das kennen, nicht reflektierend, sondern einfach offen. Was also tagsüber lose im Kurzzeitgedächtnis lag, wird Nacht zu dem, was wir wirklich wissen. Wer zum Beispiel eine Nacht vor einer Prüfung durchlernt hat und danach nicht schläft, der hat das Gelernte nicht wirklich ins Langzeitgedächtnis überführt. Der Stoff liegt sozusagen noch im Vorzimmer. Der Schlaf ist der Einlass. Für eine Prüfung reicht vielleicht auch manchmal das Vorzimmer. Das selbst geht dann durch verschiedene Phasen, es ist eben nicht da, also unscheinbare Phasen, bis dann gegen morgen der REM-Schlaf beginnt, der Rapid-Eye-Movement-Schlaf. Da zucken die Augenlider, aber die andere Muskulatur ist wie gelähmt, der Körper berührt sich kaum. Und das Gehirn? Das Gehirn ist total aktiv. Das Default-Mod-Netzwerk explodiert. In diesem REM-Schlaf können wir sagen, denkt das Gehirn nicht schneller, es denkt einfach anders, freier, weiter, schöpferischer. Die normalen Filtermechanismen sind ausgeschaltet. Und der Teil, der für rationales Urteilen, für Bewertung usw. zuständig ist, der ist dann in diesem REM-Schlaf inaktiv. Und das bedeutet, dass Default-Mode-Netzwerk da Verbindungen herstellen, die wir ihm tagsüber gar nicht erlauben würden. Erinnerungen aus der Kindheit, Treffen auf Probleme von gestern, auf Visionen der Zukunft, Emotionen aus vergangenen Beziehungen werden mit aktuellen Situationen verknüpft. Und so entstehen Bilder, die keiner Logik folgen, keinem Verstand. Und genau deshalb manchmal tiefer führen als jede Analyse. Das ist der Traum. Der Traum ist kein zufälliges Rauschen, sondern er ist eine Bedeutungsproduktion ohne Zensur. Forscher haben dem Menschen vor dem Schlafen unlösbare Rätsel gegeben. Diejenigen, die danach in diesen REM-Schlaf kamen, lösten sie morgens häufiger. Nicht, weil sie mehr nachgedacht hatten, sondern weil das schlafende Default-Mot-Netzwerk Querverbindungen gefunden hatte, die der wache Verstand nicht sehen konnte. Kickoulet träumte die Ringstruktur des Benzols. McCartney hörte Yesterday im Schlaf und suchte tagelang nach dem Komponisten, bis ihm klar wurde, dass er es selbst war. Das sind keine romantischen Anekdoten. Das ist unser Default-Mod-Netzwerk bei der Arbeit. Und es ist so, so wichtig für guten Schlaf und für kreative Lösungen. Es gibt noch eine weitere Funktion von dem Default-Mod-Netzwerk im Schlaf. Der Neurowissenschaftler Matthew Walker beschreibt es so: Der REM-Schlaf ist eigentlich eine Form der nächtlichen Therapie. Das Gehirn nimmt all die emotional aufgeladenen Erlebnisse des Tages und verarbeitet sie. Aber ohne das Stresshormon Noradrenalin, das tagsüber bei jeder emotionalen Erregung mitfließt. Die Erinnerung bleibt, aber der Schmerz wird leiser. Insofern ist es ganz wichtig, gut zu schlafen. Und dieses default-Mod-Netzwerk verbindet dabei die Erinnerungen mit anderen Kontexten, anderen Erlebnissen, anderen Perspektiven, das, was wir vielleicht schon gelernt haben, die Probleme, die wir überwunden haben. Es baut Bedeutung. Es fragt, was bedeutet das für mich? Wo habe ich das vielleicht schon mal gefühlt und was sagt es mir über die Welt? Was sagt es mir über mich selbst? Wer nach einem schwierigen Erlebnis schläft, wacht oft mit mehr Abstand auf. Nicht, weil die Nacht das Problem gelöst hat, sondern weil dieses Netzwerk es eingebettet hat in etwas Größeres, in die eigene Geschichte. Der Schlaf macht nicht alles gut, aber er macht manches kleiner und anderes erst sichtbar. Was passiert dann also, wenn wir zu wenig schlafen? Wenn der Schlaf fehlt, wenn er zu kurz ist, zu flach, zu oft unterbrochen, dann fehlen genau diese Prozesse, die Therapie in der Nacht. Das Archiv bleibt sozusagen unvollständig, die Querverbindungen entstehen nicht, die Emotionen bleiben unverarbeitet, roh und nah. Das selbst, das morgens aufwacht, hat weniger Kontext, weniger Perspektive, letztendlich weniger Spielraum, weniger Möglichkeiten. Und das erklärt, warum chronisch schlafmüde Menschen emotional reaktiver sind, warum kleine Dinge auf einmal groß werden, warum das Denken enger wird und kreativer Spielraum schwindet, Entscheidungen auch schwerer fallen. Dieses Default-Mode-Netzwerk ist kein Luxus. Es ist das Netzwerk, das uns zu Menschen macht. Zu Wesen, die sich erinnern, die eine Bedeutung haben, die träumen, die verbinden. Und es arbeitet hauptsächlich nachts, während wir schlafen. Während wir denken, wir seien weg, wir seien gar nicht da. Unser Gehirn schläft nie wirklich. Es wechselt nur den Mottus von der äußeren Aufgabe zur inneren Bedeutung, vom äußeren Fokus zum Innenraum, vom Denken zum Begreifen. Und vielleicht ist das die beste Erkenntnis über den Schlaf überhaupt. Es ist nicht die Zeit, in der nichts passiert. Es ist die Zeit, in der das Wesentliche passiert. Unbeobachtet, ungestört. In einer Stille, die lauter ist als der lauteste Tag. Eine Aufgabe für dich und auch für dein Klientel. Es geht um ein Tagebuch für Träume. Immer wieder, wenn Menschen nachts aufwachen und viele, viele, viele in meinen Gruppen haben Schlafstörungen. Wenn sie nachts aufwachen, nicht im Bett sich hin und her wälzen, sondern in dieses Tagebuch schreiben, was durch den Kopf geht. Alle möglichen Bilder und auch natürlich die unmöglichen. Auch die Träume aufschreiben. Was passiert im Schlaf? Damit wir dadurch eine Bewusstheit bekommen und auf Dauer unsere Träume, unser Unbewusstes, ein Stück mehr lenken können. In diesem Sinne, auf geht's von Herzen, Alexandra. Roh Diamant, kantig und kraftvoll. Abonniere und teile gerne. collectivefeeling.com