💎 Rohdiamant

#11 Berührung ohne Hände

Dr. Alexandra Kleeberg

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Warum Einsamkeit nicht das Ende von Sinnlichkeit sein muss.
Berührung ist kein Luxus – sie ist Lebensmittel. Und doch leben so viele Menschen mit Berührungsmangel.
In dieser Folge zeige ich dir, warum dein Körper auch ohne fremde Hände Nähe empfangen kann: Das Gehirn reagiert auf innere Bilder fast wie auf Realität – wie bei der Zitrone, die schon beim Denken Speichel auslöst.

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— Dr. Alexandra Kleeberg —

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SPEAKER_00

Wir Menschen haben viele Facetten, kantig und kraftvoll. Willkommen bei Rotdiamant. Heute möchte ich dir was erzählen über Berührung ohne Hände und warum Einsamkeit nicht das Ende von Sinnlichkeit sein muss. Stell dir vor, du sitzt vor dem Fernseher oder du liest in einer Zeitung etwas über Berührung. Berührung senkt den Blutdruck. Berührung stärkt das Immunsystem. Berührung gibt Menschen das Gefühl, verbunden zu sein. Und du weißt, alles richtig, alles wichtig. Aber während du das hörst, passiert etwas anderes. Du merkst vielleicht, dass du seit Wochen, vielleicht seit Monaten nicht wirklich berührt wurdest. Kein Partner, keine Partnerin, keine Familie in der Nähe. Und plötzlich fühlt sich dieser Beitrag nicht mehr informativ an. Ja, er fühlt sich fast ausgrenzend an. Und es ist die harte Realität. In Deutschland lebt jeder fünfte Mensch allein, in Großstädten sogar jeder dritte. Und nach der Pandemie hat sich der Zustand von uns Menschen, eben keinen zu haben, auch nochmal verdoppelt. Einsamkeit ist inzwischen eine stille Volkskrankheit. Aber wenn Nähe fehlt, heißt das nicht, dass Sinnlichkeit verschwinden muss. Was wenn der Körper Berührung auch ohne irgendwelche fremden Hände empfangen kann. Psychologisch gesehen ist Berührung ein Lebensmittel. Unsere Haut ist eines der größten Sinnesorgane, die wir haben. Ganz viele Millionen von Rezeptoren. Und das Wichtige ist, unsere Haut braucht Berührung. Nicht als Luxus, sondern als Lebensmittel. Wir wissen, Babys, die nicht berührt werden, entwickeln sich langsam. Ältere Menschen in Isolation haben messbar höhere Entzündungswerte. Und Berührungsmangel ist sogar biologisch nachweisbar. Aber hier kommt etwas, was viele übersehen. Das Gehirn, unser geniales Gehirn, unterscheidet nicht zwischen realer und imaginierter Berührung. Und das ist keine Esoterik, das ist Neuropsychoimmunologie. Stell dir vor, du beißt in eine Zitrone, was passiert? Dein Mund produziert sofort Speichel, auch ohne Zitrone. Denk an einen Kuss, denk daran, du streichelst ein Tier und schon reagiert der Körper. Das Gehirn reagiert auf unsere Vorstellungen ähnlich wie auf die Realität. Und das bedeutet, wenn du dir vorstellst, berührt zu werden, sanft, warm, wohltuend, aktiviert deinen körperneuronale Netzwerke, als würde es wirklich geschehen. Nicht identisch, aber ähnlich genug, um messbare Effekte zu haben. Die Herzrate sinkt, der Muskeltonus entspannt sich, die Stresshormone gehen runter. Das heißt, wir sind nicht hilflos, wenn niemand da ist. Und auch unser Klientel ist nicht hilflos, wenn jemand fehlt. Es gibt eine Geschichte, die ich selbst erlebt habe, die dieses Prinzip perfekt zeigt. In einem Workshop über Selbstteilung und Körpersensibilisierung gab es vor vielen, vielen Jahren eine ungewöhnliche Übung, eine Eigenmassage mit inneren Bildern. Also es ging um diese Eigenmassage, keine echten Hände, nur innere Bilder. Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen Menschen jeden Alters wurden angeleitet, sich vorzustellen, wie warme Hände oder eine Feder oder eine Massage über den Nacken, die Schultern, den Rücken hinabwandert, über den Po in die Beine und Füße. Und wie sich diese Berührung im ganzen Körper ausbreitet. Es waren sinnliche Bilder, nicht neutral, nicht klinisch, sondern lebendig, erotisch im ursprünglichen Sinne von Eros, der Lebensenergie. Das Licht war gedimmt, alle hatten die Augen geschlossen und die Energie im Raum veränderte sich. Da war neben mir eine Frau Ende 70, die vorher unauffällig, zurückhaltend gewirkt hat. Die nahm an dieser Übung teil und nach ungefähr einer halben Stunde war der ganze Körper durch und durchbelebt. Das Licht ging an und ich schaute sie an. Sie hatte rote Bäckchen und strahlend blitzende blaue Augen. Und in diesem Moment wurde etwas sichtbar, was wir oft vergessen. Erotische, sinnliche Lebendigkeit ist keine Frage des Alters. Es ist auch nicht zwingend eine Frage des Gegenübers, es ist eine Frage der Erlaubnis. Und wir leben in einer Kultur, die Berührung delegiert hat. Ja, wir haben Sinnlichkeit delegiert an Partner, an Masseure, an professionelle Berührung, an andere Menschen, vielleicht sogar an KI. Und wenn wir da keine Berührung bekommen, denken wir, sie ist weg. Aber Sinnlichkeit ist nicht etwas, was von außen kommt. Sinnlichkeit ist die Fähigkeit des Körpers zu spüren, zu fühlen, durchlässig zu werden, lebendig zu sein. Und diese Fähigkeit, wir haben sie nicht verloren, wir haben sie nur vergessen. Wir leben in einer Gesellschaft, die Sinnlichkeit an Beziehungen bindet. Die sagt, wenn du alleine bist, musst du halt akzeptieren, dass dich keiner berührt. Da kann man nichts machen. Aber so viel leben, so viele Menschen leben alleine, die sind verwidmet, die haben keinen Partner, sie sind einsam. Und dann sollen sie erstarren, weil sie keine Sinnlichkeit erleben können. Ich finde, Sinnlichkeit ist ein Grundrecht, nicht nur für Paare, sondern für alle Menschen in jeder Lebensphase. Und Imagination kann dabei ein kraftvoller Verbündeter sein. Es geht hier um Erotik in Form von Lebendigkeit ohne Sex. Das will ich ganz klar sagen. Ich meine, unsere Vorfahren, die waren nicht so dick gekleidet, wenn die über die afrikanische Savanne gingen. Die haben die Sonne auf dem Körper gespürt, den Wind in ihren Haaren, das Gras hat gestreichelt. Wir sind ja fast vermummt, wir sind viel in Häusern. Sinnlichkeit ist auch in der Natur viel präsenter. Aber wir können sie uns auch vorstellen, damit diese Energie, diese Lebensessenz, dieses Lebenselixier wirklich fließen kann, auch ohne Partner oder Partnerin. Wir Frauen haben häufig gelernt, Sinnlichkeit ist nur in Beziehungen erlaubt. Und der eigene Körper darf sozusagen erst hochfahren, wenn jemand anders da ist. Aber häufig ist keiner da. Und sollen wir dann einfrieren, sollen wir dann starr werden, unsichtbar und uns dann wundern, warum unsere ganze Umwelt fast erstarrt ist, wo wir uns wie ein Möbelstück fühlen, funktional, unlebendig, robotermäßig. Die Forschung sagt, Menschen, die ihre Sinnlichkeit aufrechterhalten durch Selbstberührung, das ist auch wichtig, und Imagination haben bessere Gesundheitswerte. Nicht, weil sie sich etwas einbilden, sondern weil der Körper auf Berührung und eben auch auf innere Bilder reagiert. Und jetzt möchte ich dich einladen zu einer ganz kleinen Übung, Berührung ohne Hände, die du auch weitergeben kannst, auch beruflich weitergeben kannst, auch privat natürlich. Spüre deinen Körper von innen, nicht wie er aussieht, sondern wie er sich anfühlt. Wo ist er warm, wo ist er kühl, wo ist er eng, wo ist er weit? Dann leg deine Hände irgendwo auf deinen Körper. Vielleicht auf dein Herz, auf deinen Bauch, vielleicht auf deine Schultern. Und fühl einfach nach. Wie erlebst du diese Berührung? Wird er etwas wärmer, wird er etwas weicher, wird er etwas ruhiger. Und dann stell dir vor, deine Hände werden unsichtbare Hände und massieren deinen Körper nach unten und nach oben. Imaginär. Sie streichen jede Zelle deines Körpers, jede Faser deines Seins. Lass den Körper kribbeln und pulsieren, damit dein Nervensystem lernt. Ich bin nicht allein, ich werde gehalten, ich darf mich spüren. Das ist keine Magie, das ist Regulation. Vielleicht ist es an der Zeit, vielleicht ist es sogar notwendig, Sinnlichkeit neu zu definieren. Nicht als etwas, was zwischen zwei Menschen passiert, sondern was in uns entstehen darf, in jedem Alter, in jeder Lebensphase, was in uns entstehen darf, durch Imagination, aber auch in der Natur, durch Wind, durch einen Baum, durch ein Blatt, was wir spüren, durch einen Duft, der uns betört. Wir leben in einer modernen Welt, in der Berührung rar geworden ist, in der Menschen hungern, nicht nach Nahrung, sondern nach Fühlen. Und gleichzeitig haben wir eben dieses Werkzeug, das wir kaum nutzen, die Fähigkeit des Körpers, Berührung auch imaginativ zu empfangen. Und das ist kein Rückzug aus der Welt, das ist Selbstfürsorge auf Zellebene. Berührung ist ein Nahrungsmittel, kein Luxus. Und wenn jemand kommt, um uns zu berühren, dann dürfen wir es selber tun. Mit unseren Händen, mit unserer Vorstellungskraft, mit den Kräften der Natur, der Wärme der Sonne, der Zärtlichkeit, des Windes, dem Duft der Blumen. Wenn du in deinem Körper zu Hause bist, dann spür ihn. Streichel ihn zärtlich. Denn er ist es wert, gespürt zu werden. Wir sind nicht hilflos, wenn niemand da ist. Wir haben einen Körper, wir haben Vorstellungskraft. Wir haben die Fähigkeit, Wärme und Nähe auch innerlich zu erzeugen. Das meine ich mit Berührung ohne Hände, Sinnlichkeit ohne Gegenüber, Lebendigkeit, die von innen kommt. Das ist möglich und es beginnt jetzt. Und es könnte ein Wunder passieren, weil sich unsere Ausstrahlung verändert. Wir werden weicher, wir werden gelassener, wir werden zärtlicher. Und auf einmal kommen vielleicht die Menschen oder wir gehen auf sie zu. Wir verlassen diese Einsamkeit und berühren zärtlich die Welt, die sich dann öffnet. Auf geht's. Oh Diamant, kantig und kraftvoll. Abonniere und teile gerne kollective.com