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#10 Heimat - eine Suche

Dr. Alexandra Kleeberg

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0:00 | 23:08

In diesem Audio geht es um die tiefste Form von Heimatlosigkeit: die Spaltung vom Körper, von Gefühlen, vom Selbst – und um das, was bleibt, wenn alles andere wankt: Atem, Körpergefühl, Stimmigkeit, Authentizität. Eine Heimat, die mitkommt.
Am Ende bekommst du eine einfache Praxis zum Heimkommen: drei Minuten am Tag – spüren, atmen, ankommen.


👇 Kommentarfrage: Was ist Heimat für dich – ein Geruch, ein Lied, ein Tisch, eine Stimme?

Außerdem lade ich dich ein, den BLOG zu dieser Podcast-Folge zu lesen und mir deine Gedanken in den Kommentaren zu hinterlassen.

#Heimat #Heimatlosigkeit #Stimmigkeit #Authentizität #Atem #Nervensystem #Transformation

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Herzlichst
— Dr. Alexandra Kleeberg —

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#Rohdiamant #Psychotherapie #Gruppentherapie #AlexandraKleeberg #Imagination2punkt0 #Archedynamik #Transformation

SPEAKER_01

Herzlich willkommen zu meinem neuen Podcast wieder mal um das Thema Heimat. Ich habe da einfach jetzt mal eine Weile recherchiert, weil das Thema Heimat in den Gruppen immer wieder vorkam als Heimatlosigkeit. Und das kommt einfach an die Oberfläche, sozusagen aus dem Zeitgeist. Und in diesen Gruppen, da sind Menschen, die sind von Norden nach Süden gezogen, die kamen von der alten DDR an den Bodensee, die kommen aus Kriegsgebieten nach Deutschland, einige haben Partner aus einem anderen Kontinent, eine sind sogar geboren in anderen Kontinenten und andere leben seit Jahren in derselben Stadt und fühlen sich dennoch nirgendwo wirklich verwurzelt. Was diese Menschen in meinen Gruppen alle verbindet, ist dieses Gefühl von Heimatlosigkeit. Und zwar nicht äußerlich, sondern innerlich. Und so habe ich mich mal auf die Reise gemacht, eine Reise zu diesem Wort selbst. Woher kommt es überhaupt? Was bedeutet es? Und warum gibt es dieses Wort in dieser Form eigentlich nur im Deutschen? Das fand ich sehr, sehr interessant. Und Heimat ist ein Wort, das es eigentlich so nur einmal gibt. Heimat ist fast unübersetzbar. Im Englischen gibt es Home, aber das ist zu klein, zu privat. Es meint das Haus, die Familie, vielleicht auch das Heim, nicht mehr. Es gibt Homeland, aber das ist zu groß, zu politisch. Es meint die Nation, das Vaterland. Im Französischen gibt es Patrie, aber auch das ist nationalpatriotisch. Im Spanischen heißt es Patria, im Italienischen auch Patria. Und überall dasselbe. Es meint Vaterland. Aber Heimat ist irgendwie etwas dazwischen, etwas, das gleichzeitig geografisch, aber auch emotionaler ist, etwas, das persönlich und auch kollektiv ist, etwas, das Orientierung gibt und Identität. Und dieses Wort scheint es nach meinen Recherchen nur im Deutschen zu geben. Und ich habe dann weiter recherchiert. Ich glaube, es ist kein Zufall. Das Wort Heimat kommt erstmal aus dem Althochdeutschen. Heim bedeutet Haus, Wohnsitz, Dorf. Und das finden wir ja auch in anderen Sprachen ein bisschen. Es hat eine ähnliche Wurzel wie Heirat. Es meint einfach ein Ort, wo wir zu Hause sind. Der Ort, wo wir geboren sind, der Ort, wo wir Rechte haben, Heimatrechte, Bürgerrechte erprächte. Im Mittelalter war Heimat etwas Juristisches. Wer Heimat hatte, der hatte auch Ansprüche. Wer keine Heimat hatte, war heimatlos und beinahe auch rechtlos. Aber das Besondere ist, glaube ich, für uns Deutsche, und ich beschäftige mich ja viel mit der Psyche von uns Deutschen. Deutschland gab es als einheitliches Land nicht bis 1871. Stattdessen gab es hunderte von Fürstentümern, Königreichen, Herzogtümern, einen Flickenteppich, eine Vielstaaterei und auch damit keine nationale Identität, wie in Frankreich, wie in England, wie in Spanien, wie in Italien. Da gab es keinen Nationalstolz, weil wir keine Nation waren. Die Deutschen hatten keine Nation. Also hatten sie Heimat. Eben nicht dieses große Ganze, sondern das Kleine, das Vertraute, das Lokale, das Dorf, die Region, die Landschaft, die Mundart. Und Heimat war nicht politisch. Heimat war das, was vertraut war, da wo wir hingehörten, wo wir verstanden werden, ohne uns groß erklären zu müssen. Und ich glaube, genau diese Vielschichtigkeit, diese Mischung aus Ort, aus Gefühl, aus Zugehörigkeit, aus Identität, das gibt es eben nur in diesem einen Wort. Heimat. Und dann kam natürlich auch die Romantik, Heimat als Sehnsucht. Das prägte das 19. Jahrhundert neben der Industrialisierung, der Landflucht, der Verstädterung der Auswanderung. Millionen Menschen verloren ihre Heimat, nicht durch Krieg, sondern durch Modernisierung. Die Dörfer wurden leer, die alten Lebensformen zerbrachen. Und schon damals wurde die Welt schneller, lauter und fremder. Und in diesem Moment entstand sozusagen die Romantik, Joseph von Eichendorf, Novalis, Hölderlin und sie besangen die verlorengegangene Heimat, den Wald, die Umgebung, die Berge, die Wiesen. Es ging immer nach Hause. Heimat wurde zum Sehnsuchtsideal, zum Gegenbild der kalten Moderne. Und Heimat war da nicht nur ein Ort, sondern es wurde zu einem Gefühl, zu einer Sehnsucht, einem Verlust. Und dann gab es natürlich den großen Missbrauch dieses Wortes Heimat im 20. Jahrhundert mit den Nationalsozialisten. Sie nahmen einfach dieses Wort und machten es zu etwas Furchtbarem, zu Blut und Boden. Heimat wurde richtig rassistisch definiert, ethnisch, ausgrenzend. Nur wer arisches Blut hat, gehörte zur Heimat, alle anderen nicht. Und nach 1945 wurde dieses Wort toxisch, verbrannt, verdächtig. Wer Heimat sagte, stand unter Generalverdacht. Die Linke mied das Wort und die Rechte vereinnahmte es etwas. Und so entstand eine seltsame Spaltung. Das Wort selbst, und ich finde, es ist ein wunderbares, vielschichtiges Wort, wurde zum Kampfbegriff. Entweder man war dafür und galt als rückwärtsgewandt, nationalistisch oder man war dagegen und galt als wurzellos, heimatlos. Aber das ist eigentlich nicht fair, diesem Wort gegenüber und auch nicht den Menschen gegenüber, die Heimat brauchen. Heimat ist ein psychologisches Gefühl zwischen Sehnsucht und Spaltung. Heute und wie gesagt, auch in meinen Gruppen taucht das Wort vermehrt auf, mit neuer Dringlichkeit. Nicht bei den Rechten, nicht bei den Linken, sondern bei diesen ganz normalen Menschen, die unter dieser Entwurzelung leiden, die sich fragen, wo gehöre ich hin, die manchmal auch viel gereist sind und nirgendwo wirklich angekommen sind. Menschen, die in einer Stadt leben, die nicht wirklich ihre Stadt ist, Menschen, die eine Sprache sprechen, die nicht ihre Muttersprache ist, Menschen, die einen Partner aus einem anderen Kontinent lieben und nun zwei Heimaten haben oder gar keine. Und was ich in meinen Gruppen sehe, ist dies. Dieses Fehlen von Heimat ist nicht nur ein geografisches Problem, es ist ein existenzielles Problem. Heimat ist ein psychologisches Grundbedürfnis. Heimat gibt uns Orientierung, ich weiß, wo ich bin. Es gibt uns Zugehörigkeit, ich gehöre in die und die Gruppe, es gibt uns Sicherheit, hier bin ich nicht in Gefahr und es gibt uns Bedeutung, hier habe ich einen Platz, eine Rolle, einen Sinn, ich kann mich entspannen. Ich muss nicht funktionieren, ich darf einfach sein. Und wenn diese Dinge fehlen, dann nennen wir es eigentlich nicht Heimatlosigkeit. Wir nennen es Stress, Unruhe, Erschöpfung, Einsamkeit. Oder wir merken es daran, dass wir uns zwar überall irgendwie anpassen können, aber nirgendwo wirklich landen. Heimat ist also nicht wirklich eindimensional und es meint auch letztendlich nicht was Reales: ein Land, eine Region, die Berge, das Meer, das Licht, das Klima, die Jahreszeiten. Es meint mehr. Nicht nur ein Haus, eine Wohnung, die Sachen drin, der Geruch, die Ecke, in der man sitzt, das Heime Lege. Ja, es meint noch mehr nicht nur eine Gemeinschaft, eine Beziehung, Menschen, bei denen man nichts erklären muss, wenn man ist. Es meint mehr als einen Ort, mehr als ein Umkreis, mehr als eine Landschaft, nicht das Haus, nicht der Platz. Heimat kann vieles sein. Eine Sprache, ein Wald, ein Geruch, eine Sprache, in der Witze noch funktionieren. Heimat kann auch Geschichte sein, Ledergut, Rituale, die Märchen, die die Großmutter erzählt hat, die Feste, die Menschen gefeiert haben. Heimat kann aber auch sein, der ganze Globus, das Universum. Es gibt Menschen, die fühlen sich nirgendwo und überall zu Hause. All diese Ebenen existieren gleichzeitig. Und manchmal stimmen sie sogar gar nicht überein. Du lebst in einem Land, aber deine Sprache ist eine andere. Dein Körper ist hier, aber deine Sehnsucht ist dort. Das Haus ist vielleicht gemütlich und dennoch fühlst du dich einsam. Heimat ist komplex, vielschichtig. Ich selbst bin viel umgezogen, vom nördlichen Deutschland, dann mehr in die hessische Mitte, dann an den Bodensee, dann nach Österreich, jetzt nach Norditalien. Und obwohl ich hier im Wald lebe, obwohl ich hier glücklich bin, ob das meine Heimat ist, weiß ich nicht. Die Natur ist meine Heimat. Hier bin ich frei und hier bin ich in Frieden. Das Haus, es ist heimelig, es ist schön, aber Heimat. Meine Eltern waren Kriegsflüchtlinge, das war ihre Identität. Sie haben sich immer so definiert als Vertriebene, als Menschen, die nicht mehr nach Hause konnten. Heimat blieb für sie eine Illusion, eine Erinnerung, ein Sehnsuchtsort, den es nicht mehr gab. Und das ist das Tragische: Heimat kann, wenn wir es äußerlich verstehen, unwiederbringlich verloren gehen. Heimat ist aber psychologisch noch viel mehr. Und genauso ist Heimatlosigkeit noch viel tiefster. Denn das Tiefste, was ich in meiner therapeutischen Arbeit sehe, ist, wie gesagt, nicht diese äußere Heimatlosigkeit. Es ist die Innere. Wir sind nicht nur äußerlich entfremdet von Orten, von Menschen, von Gemeinschaften. Wir sind vor allen Dingen innerlich entfremdet und zwar von uns selbst, von unserem Körper, von unserem Atem. Viele Menschen leben, wie gesagt, in einem Dauertransit. Check-in, Check-out, Projekt, Update, Umzug, neuer Job, neue Rolle, neue Stadt, neues Profilbild. Und irgendwann frage ich mich, wann komme ich endlich an in mir? Und das ist diese ganz moderne Form der Heimatlosigkeit. Nicht obdachlos, sondern körperlos, nicht vertrieben, sondern dissoziiert. Nicht ohne Wohnung, sondern ohne Anker. Und was machen wir in dieser multikomplexen Welt, die sich bewegt und in der wir uns begegnen, wenn Heimat psychologisch wichtig ist, aber sie vielleicht äußerlich verloren geht. Wir brauchen eine Heimat, die nicht von äußeren Umständen abhängt. Und da gibt es nur eine einzige, die bleibt, solange wir hier auf dieser Welt sind, und das ist der Körper. Unser Körper ist der Tempel unserer Seele, sagen die Spirituellen. Der Körper ist das Zuhause, was wir mitnehmen. Der Körper ist der Platz, wo wir ankommen. Das ist keine Metapher, sondern eine ganz spürbare Erfahrung. Es geht darum, in jedem Moment, in jedem Atemzug im Körper beheimatet zu sein. Jetzt, hier, präsent, nicht gestern, nicht morgen, nicht in Sorgen über das, was sein könnte, nicht in Plänen, nicht in Strategien, nicht im Funktionieren, sondern jetzt hier im Atem, in der Wahrnehmung, im Spüren. Lass uns das ganz konkret machen. Heimkommen im Körper heißt erst einmal eine Pause zu machen. Setz dich einfach hin oder steh wie ich, leg dich hin, wenn das besser ist. Spüre deine Füße auf Mutter Erde, deine Fußohlen, deine Zehen, den Kontakt zum Boden. Spür deine Beine, deinen Rumpf, deinen Atem. Einfach nur spüren. Wo spürst du ihn? Nimm ihn wahr, er kommt und geht. Und lass ihn durch deinen ganzen Körper fluten. Einatmen bis in die Fußspitzen ausatmen. Einatmen bis in die Fingerspitzen und ausatmen. Einatmen bis in die Spitze des Scheitelchakras und Ausatmen. Präsent sein, hier sein, jetzt sein. Stell dir also immer wieder vor, dass dein Atem nicht nur in die Lungen geht, sondern dieser Sauerstoff flutet weiter bis in jede Zelle, in jede Faser deines Seins. Die Füße und Beine rum, Schultern, Arme und Hände, bis in das Gehirn und alles, was du nicht mehr brauchst, atme aus. Es darf gehen.

SPEAKER_00

Einatmen, ankommen, ausatmen, loslassen.

SPEAKER_01

Du musst nichts tun, einfach hier und jetzt im Körper. Das ist die einzige Heimat, die hier in diesem Leben erst einmal bleibt. Im Körper sein bedeutet wahrnehmen, nicht denken, nicht analysieren, sondern wahrnehmen mit allen Sinnen. Was sehe ich, was höre ich, was spüre ich, was schmecke ich, was rieche ich? Atme durch all deine Sinne ein und atme aus. Wie nimmst du dich wahr in deinem Körper? Nicht analysieren, nicht interpretieren, nur wahrnehmen. Die einzige Heimat, die wir haben, ist ein Atemzug. Ein Atemzug nach dem anderen, nicht ein Ort, nicht ein Haus, nicht einmal eine Beziehung.

SPEAKER_00

Nur das Gefühl, ich bin hier. Ich atme. Ich komme an.

SPEAKER_01

Dann bist du nicht mehr im Transit, nicht mehr auf der Flucht, nicht mehr in der Vergangenheit und in der Sorge. Du bist jetzt, du bist hier. Du bist lebendig.

SPEAKER_00

Das ist vielleicht die tiefste Form von Heimat, im eigenen Körper zu Hause zu sein. Es ist eine Heimat, die immer mitkommt.

SPEAKER_01

Nachdem ich wirklich lange in das Thema eingetaucht bin, komme ich zum Kern. Heimat ist ein Atemzug nach dem anderen. Nicht ein Ort, nicht ein Haus, nicht eine Beziehung. Sondern dieses Ich bin jetzt.

SPEAKER_00

Ich bin hier und jetzt.

SPEAKER_01

Ich bin angekommen in mir. Und dann bin ich nicht mehr auf der Flucht, in der Vergangenheit oder in der Sorge. Im Check-in, im Checkout. Für mich ist das die tiefste und vor allen Dingen die beständigste Form von Heimat, im Körper zu Hause zu sein. Und es ist fast wie bei einem Schneckenhaus die Heimat, die immer mitkommt, die immer mit dabei ist. Diese Heimat können wir nicht verlieren, es sei denn, wir verlieren unser Leben, sie reist mit, sie ist unabhängig von Orten, von Menschen, von Umständen. Unser Geburtsort kann verschwinden, unsere Wohnung kann verkauft werden, unsere Beziehungen können zerbrechen, unsere Sprache kann verblassen. Aber unser Atem, der bleibt, der Körper, der bleibt, die Gegenwart, die bleibt. Wenn jeder Mensch in sich selbst verwurzelt wäre, in seinem Atem, in seinem Körper, in seinem gegenwärtigen Moment, wir hätten eine völlig andere Welt. Denn wer in sich selbst Heimat findet, muss sie nicht mehr von anderen fordern. Der muss nicht mehr gegen andere kämpfen, um dazu zu gehören. Und so ist diese Heimat im Atem vielleicht das Radikalste, was wir erreichen können. Lass mich dir nochmal zum Abschluss eine Übung, eine Inspiration geben. Einmal am Tag, vielleicht morgens, vielleicht abends. Nimm dir ein paar Minuten Zeit. Ein paar Minuten, wo dich nichts fordert. Deine Augen und frag, bin ich hier, bin ich jetzt, bin ich in meinem Körper? Nicht als Leistung, nicht als Aufgabe, sondern als Heimat. Das ist alles drei Minuten lang ein Atemzug nach dem anderen. Zum Schluss nochmal: Heimat ist ein großes Wort, ein schweres Wort, ein Wort mit Geschichte. Doch eigentlich einfach, Heimat heißt Ankommen. Die tiefste Form des Ankommens meint, in uns selbst anzukommen, im eigenen Körper, im eigenen Atmen, im Hier und Jetzt. Das kann dir niemand nehmen. Deshalb Heimat ist ein Atemzug. Und dieser Atemzug ist jetzt. Auf, geht's.